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(Quelle: „Archetyp“ von Rolf König)

Eine alte Geschichte berichtet von einem Einsiedler. Der sprach oft davon, dass er viel zu tun habe. Darüber wunderten sich die Leute, und sie fragten ihn, was denn das eigentlich wäre. Er erklärte es: „Ich habe zwei Falken zu zähmen, zwei Sperber abzurichten, zwei Hasen aufzuhalten, eine Schlange zu behüten, einen Esel zu beladen, Pferde zu satteln und einen Löwen zu bändigen.“

„Nun ja“, sagten die Leute, „das ist allerdings viel; da ist die Zeit ausgefüllt. Aber wo ist denn die ganze Menagerie? Wo sind die Tiere, von denen du da redest? Wir sehen doch nichts davon.“

Da erzählte der Einsiedler auf eine Weise von diesen Tieren, dass sie ihn alle verstanden. Denn solche hatten sie zu Hause auch. (Übrigens: wir auch!)

„Die zwei Falken, das sind unsere Augen, die sich auf alles stürzen, manchmal zu Stielaugen werden und sich da und dort festkrallen. Es ist oft schwierig, sie zu zähmen. Und die zwei Sperber? Diese Greif-Vögel? Das sind unsere Hände, die zupacken. Und was sie einmal haben, das lassen sie nicht wieder los. Manchmal geraten sie auch außer Kontrolle. Dabei könnten sie etwas anderes tun: Sie könnten streicheln, lindern, helfen, loslassen. Und die zwei Hasen, die wir aufzuhalten haben? Manchmal schwierig genug – unsere Füße, die mit uns auf und davon gehen, dahin und dorthin, Haken schlagen, uns unstet machen. Am schwersten ist die Schlange zu zähmen, die hinter dem Gehege unserer Zähne: die Zunge. Einer hat einmal gesagt: „32 Zähne sind machtlos gegen eine Zunge!“ Nicht umsonst spricht man so manches Mal von „Doppelzüngigkeit“. Aber diese Zunge kann auch trösten, Gutes sagen. Und dann ist ein Esel zu beladen: unser Körper. Wie oft gleicht er einem solchen Tier. Ist er überlastet, wehrt er sich, schlägt aus, macht nicht mehr mit, ist „störrisch wie ein Esel“. Und dabei brauchen wir ihn. Und dann gilt es noch einen Löwen zu bändigen. Vom Löwen sagt man, er sei der König der Tiere – so wie das Herz die Zentrale der Macht ist, Sitz für großen Mut, aber auch Keimzelle des Hasses und der Rache. „Das Herz – ein trotzig und verzagt Ding.“ Aber es kann auch großherzig sein. Wir werden heute, obwohl uns niemand diese Menagerie ansieht, genug zu tun haben, mit ihr fertig zu werden.

(Quelle: Aus Johannes Kuhn, Ermunterung, Kreuz Verlag, Stuttgart 1980)

Im neuen Jahr werden wir genügend Möglichkeit haben unser „Entwicklungspotenzial“ um heilsame Beziehungen zu leben auszuschöpfen. Und da wir immer mehrere Wahlmöglichkeiten haben, lohnt es sich in unserem Unterwegssein, achtsam diejenige Wahl in unserem Verhalten zu treffen, welche uns hilft, zu weisen Menschen zu werden, die auf vielfältige Weise Wahres, Schönes und Gutes mitteilen, bzw. solchen zu begegnen wir uns wünschen.

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